kussbild

Naturhistorisches Museum

In den Anfängen der Bacteriographie konnten maltechnisch nur abstrakte Motive dargestellt werden. Bei abstrakten Kompositionen wird ein Bildkonzept umgesetzt, bei dem es auf eine genaue Positionierung der einzelnen Farben nicht ankommt. Wir erinnern uns: Gemalt wird mit „quasi unsichtbaren Farben“. Wichtig war das Einhalten der hierarchischen Regeln beim Aufbringen der einzelnen Organismen, und dass alle Farben, Farbnuancen und Effekte in der geplanten Form auch tatsächlich auf den Gemälden vorhanden waren. Das war schon kein leichtes Unterfangen.

2003 hielt ich es noch für unmöglich, unter den Bedingungen der Bacteriographie gegenständlich malen zu können. Schon ein einfacher Baum war eine nicht zu bewältigende Aufgabe. Auch an die Umsetzung von Motiven als Naive Kunst war noch nicht zu denken.

Mit viel Geduld, Ehrgeiz und guten maltechnischen Ideen machte ich Fortschritte. Was war eigentlich das allerhöchste Ziel des Bacteriographen? Erraten? Es ist die Darstellung eines Gesichtes! Der kleinste Fehler macht sich bemerkbar. Schon ein Millimeter Abweichung von der Vorlage hat Folgen.

Noch während meiner gegenständlichen Malstudien, bei denen ich nach und nach Fortschritte verbuchen konnte, hatte ich 2007 – eher überraschend – die Chance, bei Herrn Prof. Dr. Bernd Lötsch im Naturhistorischen Museum in Wien vorzusprechen. Er wurde auf die Bacteriographie aufmerksam, worauf er mich zu ihm ins Museum einlud. Prof. Lötsch war von der Idee, die Buntheit der Bakterien künstlerisch umzusetzen, begeistert. Sehr begeistert sogar. Aber mit den gezeigten Werken, die doch überwiegend abstrakt waren, konnte er nicht so recht etwas anfangen. Auch „Falco“ löste nicht die von mir erwartete Begeisterung bei ihm aus, obwohl er die Umsetzung in Form eines bacteriographischen Aquarelles als Meisterwerk eingestuft hatte.

Herr Prof. Lötsch hatte ganz andere Vorstellungen. Er fragte mich beiläufig, ob ich denn imstande wäre, detailgetreue Portraits anzufertigen. Ich bejahte dies zögernd. „Ich denke da so an Louis Pasteur, an Robert Koch, Lazzaro Spallanzani wäre auch nicht schlecht… ja, den großen Mikroskopiker Antoni van Leeuwenhoek dürfen wir ebenfalls nicht vergessen…“, meinte Prof. Lötsch im Plauderton. Ich schluckte erst einmal…

Nachdem ich mich von dem Schrecken erholt hatte, meinte ich noch recht mutig: „Auf eine Person mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. Ich möchte auf Ferdinand Julius Cohn aufmerksam machen. Er ist schließlich der „Urvater“ der Bakteriologie.“

Nach längeren, sehr interessanten Gesprächen – Prof. Lötsch hatte wesentlich mehr Zeit als vorerst geplant – verabschiedete ich mich. Wo ich die Vorlagen für die fünf Portraits finde, war klar: in der Nationalbibliothek. Nicht ganz so klar war, wie ich die „Herren“ malen sollte, weniger was die Kolorierung der Bilder betrifft, ich dachte an das Erscheinungsbild von alten Fotografien, viel mehr ging es um die maltechnische Umsetzung.

Übung macht den Meister. Mit Robert Koch habe ich dann begonnen. Mit diesem ersten Bild suchte ich – nach vorheriger Ankündigung natürlich – Prof. Lötsch wieder auf. Ich betrat sein Arbeitszimmer, ein beseelter Raum mit vielerlei ehrwürdigem und musealem Interieur, und sagte:“ Das ist Robert Koch“. Prof. Lötsch: „Das sehe ich, was mich aber wirklich wundert, ist, dass sie es geschafft haben, dass Robert Koch auch wie Robert Koch aussieht“. Knapp und stolz sagte ich nur: „Wer kann, der Kann“. Das Gemälde blieb auch sofort im Museum.

Es ist mittlerweile 2008. Die noch ausständigen vier Werke folgten in den nächsten Monaten. Ende Oktober war die Maltätigkeit beendet. Die fünf Portraits waren für mich die größte Herausforderung überhaupt. Sie sind im Besitz des Naturhistorischen Museums und dort auch ausgestellt.

Chon

Ferdinand Julius Cohn (24.01.1828 – 25.06.1898)

Ferdinand Julius Cohn war ein deutscher Botaniker und Mikrobiologe. Im Jahr 1872 veröffentlichte Cohn seine dreibändige Monographie, die für die moderne Bakteriologie richtungsweisend wurde. Aufgrund seiner Arbeiten kann man Cohn als den Begründer der modernen Bakteriologie betrachten.

Koch

Robert Koch (11.12.1843 – 27.05.1910)

Robert Koch war ein deutscher Mediziner und Mikrobiologe. Es gelang ihm 1876, den Erreger des Milzbrands (Bacillus anthracis) zu kultivieren. Dadurch wurde zum ersten Mal die Rolle eines Krankheitserregers beim Entstehen einer Krankheit beschrieben. 1882 entdeckte er den Erreger der Tuberkulose (Mycobacterium tuberculosis). 1905 erhielt er den Nobelpreis für Medizin.

Pasteur

Louis Pasteur (27.12.1822 – 28.09.1895)

Louis Pasteur war ein französischer Chemiker, Biologe, Mediziner und Bakteriologe. Pasteur, der den Kampf gegen Krankheit und Tod zu seiner Lebensaufgabe machte, zeigte zum ersten Mal, dass Mikroorganismen bei Fäulnis und Gärung mitwirken. Er erkannte auch, dass Mikroorganismen durch Erhitzen abgetötet werden. Dieses Verfahren wurde später „Pasteurisieren“ genannt.

Spallanzani

Lazzaro Spallanzani (12.01.1729 – 12.02.1799)

Lazzaro Spallanzani war ein italienischer Priester, Philosoph und Universalwissenschaftler. Er widerlegte durch überzeugende Experimente das Vorkommen von Urzeugung. Seine wichtigsten Entdeckungen liegen auf dem Gebiet der Physiologie. Er schuf aber auch Fundamente der modernen Vulkanologie und Meteorologie.

Leeuwenhoek

Antoni van Leeuwenhoek (24.10.1632 – 27.08.1723)

Antoni van Leeuwenhoek war ein niederländischer Naturforscher und Mikroskopbauer. Leeuwenhoek fertigte über 500 Mikroskope an. Er beschrieb drei Bakterienformen: Kokken, Bazillen und Spirillen.


 

Zeitraffer Ferdinand Julius Cohn

Zeitrafferaufnahmen sind sehr aufwändig. Bei bacteriographischen Werken trifft dies insofern zu, weil die Abdeckung des sich entwickelnden Gemäldes, eine Glasplatte, schnell zum Beschlagen neigt. Der Wassergehalt des Systems ist schließlich sehr hoch. Das trübt den Blick der Kamera und das Filmen wird unmöglich. Mit Geduld und guten Einfällen gelang dann eine Bildfolge, die zu einem zusammenhängenden Film animiert werden konnte. Der Aufwand und auch die Kosten für alle fünf Portraits wären zu hoch gewesen. Ich habe mich ganz bewusst für Ferdinand Julius Cohn entschieden. Robert Koch ist uns allen ein Begriff; Ferdinand Julius Cohn, der, lange bevor Robert Koch bekannt wurde, schon eine führende Autorität auf dem Gebiet der immer weiter fortschreitenden Bakteriologie war, ist dagegen eher niemanden bekannt. Staunen wir, wie uns sein Gesicht aus dem scheinbaren Nichts begegnet. Vielleicht bleibt sein Name durch dieses Erlebnis in Erinnerung. Die Bildentwicklung nahm zwei Tage in Anspruch.

Zeitraffer (1,5 MB)

Die Schlüsselrolle des Salten-Orange

Streicht man mit der Hand über ein bacteriographisches Gemälde, kann man kaum Erhöhungen wahrnehmen. Man hat das Gefühl, man streicht über ein Foto. Bei einigen Organismen bleiben aber nach dem Konservieren des bacteriographischen Gemäldes deutliche Erhöhungen erhalten. Diese Konturen können wie die Blindenschrift (Louis Braille, 1825) wahrgenommen werden. Diese Eigenschaft kam mir bei der bacteriographischen Darstellung des Gewandes von Lazzaro Spallanzani sehr entgegen. So konnte ich die Textur des Stoffes nicht nur optisch, sondern auch haptisch umsetzen. Fühlt sich wirklich sehr realistisch an… Beim Durchforsten der Interaktionsstudien bemerkte ich, dass kein einziges Orange vorhanden war, das mit dem olivfarbenen Ensemblemitglied kombiniert werden kann. Hemmzonen waren die Ursache. Ich musste also – während der Ausführung des sehr aufwändigen Portrait-Projektes – auf die Suche gehen. Zum Glück fiel mir ein schon länger zurückliegender und bisher nicht beachteter Fund (Luft) in der Saltenstraße in Wien 22 ein. Das schöne Orange hatte auch schon einen Namen: „Salten-Orange.“ Die große Überraschung war, dass das Salten-Orange resistent gegen das Bacteriocin des olivfarbenen Bakteriums war, es gab also keine Hemmzone. Ich konnte das Portrait von Lazzaro Spallanzani nun ausführen. Das Salten-Orange ist das einzige Ensemblemitglied mit einem Doppelnamen. Es trägt fortan den Namen Salten-Spallanzani Orange. Sein Kürzel lautet O21.

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