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Die „Bühne“

Es gibt nun die Bühne, ein umfangreiches Ensemble und sehr ausgefeilte Malmethoden. Die Bacteriographie ist jetzt nicht mehr nur als das Malen mit Bakterien zu verstehen, verschmolz sie doch die Bildende Kunst mit der Darstellenden Kunst. Da die Gemälde nach dem Malen noch unsichtbar sind, fließt, da sich die Gemälde erst „entwickeln“ müssen, noch die Dynamik als zusätzlicher Parameter ein. Zu diesem Paradigmenwechsel nahm Herr Prof. Dr. Michael Heinzel (Firma Henkel) in einem Brief an mich folgendermaßen Stellung (Auszug):
„Wichtiger vom künstlerischen scheint uns aber, dass Sie es durch Einbeziehung der Bildentwicklung erstmals geschafft haben, ein dynamisches Element in die Bildende Kunst einzuführen. Das ist wirklich ein epochaler Paradigmenwechsel.“

Die Bühne ist das zentrale Element, um das sich die Bacteriographie dreht. Die Bühne, Bretter die für den Menschen die Welt bedeuten, bedeutet für meine Minischauspieler in ihrer für sie geschaffenen Form ebenso die Welt. Denn nirgendwo anders hat ein Bakterium die Möglichkeit seine Multitalente präsentieren zu können.

Die Bühne besteht aus einem speziell vorbehandelten Aquarellpapier, welches mit einem Gel beschichtet wird. Diese Gelschicht, die auf neueren Werken ab 2007 mitunter mehrere hundert verschiedene Kompositionen gleichzeitig aufweisen kann, stellt die Appretur dar. Genau genommen ist die Appretur die Bühne, das Papier die Trägerschicht. Doch bilden beide Teile eine Einheit.

Auch wenn die Techniken der Bacteriographie nicht zur Gänze preisgegeben werden, die Bacteriographie also nicht total entmystifiziert wird, wird das Interesse an ihr kaum geschmälert sein – es könnte uns höchstens Theodor Fontane (30.12.1819 – 20.09.1898) mit „Die Frage bleibt“ in den Sinn kommen:

„Halte dich still, halte dich stumm,
nur nicht forschen, warum? Warum?

Nur nicht bittre Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.

Wie´s dich auch aufzuhorchen treibt,
das Dunkel, das Rätsel,
die Frage bleibt.“

Das „Ensemble“

Petrischalen

Die Mitglieder sind mikroskopisch klein und zugleich wahre Größen. Nicht jedes Bakterium schafft die Hürde zum „Ensemblemitglied“. Nur bunt oder schön zu sein ist bei weitem nicht genug! Waren die Auslesekriterien Anfangs noch leicht zu bewältigen, wurden sie später immer umfangreicher und anspruchsvoller.
Mit Organismen, wie sie in der Bacteriographie verwendet werden, sind wir tagaus, tagein konfrontiert. Nicht nur Bakterien umgeben uns, auch Hefe- und Schimmelpilze sind nicht selten anzutreffen. Wir können sie nur nicht wahrnehmen. Dabei macht es wenig Unterschied, ob wir in der Stadt oder im Wald spazieren gehen. Die Anzahl an Mikroorganismen in der Luft hängt von vielen Faktoren ab.
Es besteht jedenfalls ein Zusammenhang mit dem Staubgehalt der Luft. Im alpinen Bereich fallen Bakterienfunde spärlich aus (z. B. vom Jungfrauenjoch habe nur zwei Isolate), ebenso auf hoher See. Darüber hinaus gibt es kaum noch eine Nische, die keine Funde zulässt.
Luftkeime zu sammeln ist nicht schwierig, man benötigt nur Petrischalen mit einem Kollektivmedium, das den Umweltorganismen gutes Wachstum ermöglicht. Die Petrischalen werden mit geöffnetem Deckel an der Luft ausgelegt - die Dauer, meist sind es 20 Minuten, hängt vom Standort und von der Luftbewegung ab. Dabei handelt es sich dabei um ein sogenanntes Sedimentationsverfahren.

WasserentnahmeWasserentnahmeWasserentnahme

Die am meisten praktizierte Möglichkeit ist das Hinaushalten der geöffneten Schale beim Fenster eines fahrenden Autos. Es reichen 2 Minuten, der Fahrtwind bläst genügend Organismen auf die Oberfläche des Nährbodens. Ebenso dienen Regentropfen als Fundquelle, sie waschen die Luft rein und liefern so, wie auch Schneeflocken, reichliche Ausbeute. Die Verwendung eines Luftkeimsammlers brachte keine Vorteile; das Leihgerät habe ich schon lange retourniert.
Auch das Gewinnen von Wasserkeimen ist einfach. Der Nährboden ist der gleiche wie bei der Luftkeimsammlung. Als mögliche Quelle kommen nur saubere Gewässer mit guter Tiefensicht in Frage. Die Zahl der bunten Bakterien ist meist niedrig. Ist die Gesamtkeimzahl des Gewässers zu hoch, ist ein Auffinden der bunten Bakterien infolge Maskierung nicht möglich. Die Maskierung ist so zu verstehen, dass ein bunter Organismus, wenn er auf dem Nährboden von zahlreichen (meist farblosen) Begleitbakterien umgeben ist, keine Farbe ausbilden und somit nicht entdeckt werden kann. Mit einem sterilen Tupfer (schließlich interessieren nur die Organismen aus der „Probe“) wird Wasser entnommen und auf dem Nährboden verstrichen. Da es sich dabei um cirka  0,1 ml handelt, ist ein ungefährer Rückschluss auf die Keimzahl des Gewässers möglich; das befriedigt meine wissenschaftliche Neugierde!

KulturenKulturen

Sowohl die Kulturen der Luftkeimsammlung als auch die der Wasserkeimsammlung werden bei Zimmertemperatur (jedenfalls nicht über 25° C) zirka 5 – 7 Tage „bebrütet“. Das linke Bild zeigt das Ergebnis einer Wasserprobe, das rechte jenes einer Luftkeimsammlung.

Nach der „Bebrütung“ werden die Kulturen genau betrachtet, wobei in erster Linie nach einer neuen Farbnuance Ausschau gehalten wird. Bei der jetzigen Anzahl von mehr als 150 zum Einsatz kommender „Ensemblemitglieder“ werden Neufunde immer seltener. Vom Auffinden eines Neulings zum anderen liegen oft mehrere Tausend Fundversuche. Geduld ist angesagt!
Die Ausbeute an bunten Bakterien ist immer von der Jahreszeit abhängig. Grob gesagt: Luftproben sind im Winter effizienter, da weniger Schimmel vorhanden ist. Wasserproben sind im Frühjahr und Herbst ergiebiger, da in wärmeren Zeiten die Begleitkeimzahl der Gewässer zu hoch sein kann.

Die Aufnahmekriterien für ein Bakterium ins „Ensemble“ sind z. B.:

Wood TechnikCraquelé Technik

Erfüllt ein Bakterienstamm die Anforderungen, darf er sich als „Ensemblemitglied“ bezeichnen. Ob in ihm ein guter Schauspieler steckt, steht noch aus. Der nächste Schritt soll seine hierarchische Stellung klären. Kurzum: Er muss sich nun der Interaktionstudie stellen, und zwar im Zusammenwirken mit allen schon vorhandenen „Ensemblemitgliedern“. Nun folgt der Bühnentest, der die schauspielerischen Talente offenbart. Mit zunehmender Verfeinerung der Tests konnten mehr Fähigkeiten meiner Probanden erkannt werden.
Als erstes kommt der Soloauftritt auf einer „Bühne“ mit etwa 20 Appreturbereichen. Als Solisten bewähren sich die wenigsten. Schafft es aber einer auf fast allen Bühnenbereichen eine andere Farbnuance auszubilden, zählt er zu den VIP-Kandidaten. Das ist bei grün, blau und violett wachsenden Bakterien am ehesten der Fall. Bei dieser Methode kann auch die Fähigkeit zu schwärmen gut studiert werden, ebenso die Ausbildung spezieller Strukturen. Weiters gibt es noch einen Gemeinschaftsauftritt mit den vorhandenen Multitalenten auf der gleichen „Bühne“.
So wurde unter anderem die Wood-Technik (Bild links) und Craquelé-Technik (Bild rechts) entdeckt.

Die „Ensemblemitglieder“ werden bei minus 75° C in einem eigens dafür entwickelten Medium aufbewahrt, so wird deren Absterben auf Dauer verhindert. Diese Sammlung, das Herz der Bacteriographie, die mit einer Arbeit von zehn Jahren (bis 2008) verbunden ist, stellt einen unschätzbaren Wert dar.

Die Namensgebung der „Ensemblemitglieder“

Die meisten haben sicher einen wissenschaftlichen Namen, keine Frage. Es ist aber durchaus möglich, dass bei dieser „Exotensammlung“ das eine oder andere Bakterium noch nicht beschrieben ist. Die Klassifizierung ist nicht mein Hauptanliegen. Ich begegne den Bakterien in erster Linie als Künstler, nicht als Wissenschaftler. Die wissenschaftliche Arbeit, die für das Funktionieren der Bacteriographie unentbehrlich ist, hat mit der, sagen wir klassischen Bakteriologie nichts zu tun. Ich verfolge ganz andere Ziele und Ideen.
Die Namensgebung der „Ensemblemitglieder“ wird frei gewählt. Entweder nach dem Fundort, oder dem Namen einer Person, die mit dem Fundort in enger Beziehung steht, wie das folgende Beispiel zeigt:
Luftkeim aus Wien 22, Saltenstraße - Salten-Orange, benannt nach Felix Salten (1869 – 1945).
Das Salten-Orange spielt beim Porträt von Lazarro Spallanzani, ausgestellt im Naturhistorischen Museum in Wien, eine Schlüsselrolle. Weitere Informationen unter Naturhistorisches Museum.

Alle „Ensemblemitglieder“ wurden von mir persönlich eingesammelt, was mit einer beachtlichen Reisetätigkeit verbunden war und in Zukunft sein wird. Von Freunden und Bekannten mitgebrachte Wasserproben sind durchaus willkommen, sie stellen aber die Ausnahme dar.
Die Übernahme eines bereits isolierten Bakterienstammes kommt niemals in Frage.
Meine Schauspieler will ich höchstpersönlich aufspüren!

Bacteriographie und Astronomie

Der bacteriographische Urknall

Dass es Bakterienkolonien gibt, die über weite Strecken auf mitunter recht trockenen Nährbodenoberflächen wandern können, ist schon länger bekannt. Gemeint ist Bacillus circulans, ein gar nicht so seltenes Bodenbakterium. Die Kolonien rotieren während der Ausbreitung um die eigene Achse, daher der Name. Schon in den 50er-Jahren wurden vom IWF beeindruckende Aufnahmen gemacht (erschienen 1959). Die IWF Wissen und Medien gGmbH war ein in Göttingen ansässiges Institut für Medien und Wissenschaft. Das Institut wurde 1956 gegründet und hieß bis 2001 Institut für den Wissenschaftlichen Film. Das Institut wurde mit 31. Dezember 2010 aufgelöst.
Schon damals wurden verschiedene Wanderformen von Bacillus circulans beschrieben. Außer den Kolonien als kreisförmige kollektive Einheiten können auch langgezogene Gebilde, die an Würmer erinnern, mit wesentlich höherer Geschwindigkeit über den Nährboden eilen.

Aufgrund der Schenkung von fünf bacteriographischen Portraits (2008) an das Naturhistorische Museum in Wien, wurde unter der damaligen Leitung von Prof. Dr. Bernd Lötsch ein etwa zehn Minuten dauernder Beitrag zur Bacteriographie gedreht. Darin ist auch der Zeitraffer des Bacillus circulans enthalten.
Der hier gezeigte Film wurde etwas gedehnt, um die vielen Varianten der Ausbreitung besser verfolgen zu können und von ursprünglich 30 MB auf 6 MB reduziert.

Bacteriographie und Astronomie - Werden Sie Zeuge des Urknalls!

Zeitraffer (6 MB)

Bacteriographie und Geologie 1

Der bacteriographische Vulkan

Ich bin mir sicher, dass es nur die beiden Mikroorganismen gibt, mit denen man den bacteriographischen Vulkan aufführen kann. Die Eigenschaften passen genau. Die Hefe hat die richtige Farbe für das Lavagestein und das Bodenbakterium, bei dem es sich offenbar um eine gelbe Variante von Bacillus mycoides handelt, kann sich auf der Oberfläche eines Nährbodens ausbreiten. Die Hefe wurde in der niederösterreichischen Stadt Bruck an der Leitha gefunden (Luft), das gelbe Bodenbakterium in Berlin (ebenso Luft).
Mit der Hefe wurde ein Schnittbild eines Vulkans gemalt. Anschließend setzte ich einen kleinen Punkt mit dem gelben Bodenorganismus in die Magmakammer.
Nun nahm alles seinen Lauf. Der Vulkan nahm Gestalt an und das Magma füllte die Kammer. Nach einem erfolglosen Versuch, lockeres Gestein zu durchdringen, stieg das Magma den Vulkanschlot empor. Offenbar sorgte eine unsichtbare Kraft dafür, dass das eruptierte Magma der Erdanziehung folgt und den Kraterrand hinunterfließt.  Der bacteriographische Vulkan ist – ebenso wie der Urknall – Bestandteil des Filmbeitrages des Naturhistorischen Museums in Wien.
Der Film wurde von ursprünglich 30 MB auf 3 MB reduziert.

Bacteriographie und Geologie - Staunen wir über dieses Naturwunder…

Zeitraffer (3 MB)

Bacteriographie und Geologie 2

Geologie 2Effusive Lava

Bei Strukturen, die mein Bakterien-Ensemble auf verschiedenen Bühnen ausbilden kann, brauche ich nicht lange nach übereinstimmenden Gebilden in anderen Wissensgebieten suchen. Beim Betrachten des Bildes fiel mir die frappante Ähnlichkeit mit fließender Lava auf, bloß die Farbe ist anders. Immer wieder faszinierend, das Werk ist nur aus zwei aufgemalten winzigen Punkten entstanden. Das Vergleichsbild (Quelle: Wikipedia - Effusion) zeigt einen Lavastrom eines effusiven Vulkanausbruchs auf Hawaii. Die Effusion ist im Gegensatz zur explosiven Vulkantätigkeit das eher ruhige Ausfließen von Lava.

Bacteriographie und Herpetologie

Eierschlange

Die Herpetologie [griech. herpeton, „kriechendes Ding“] ist ein Teilgebiet der Zoologie. Es ist die Lehre von Amphibien und Reptilien. Die Bacteriographie etabliert sich als Reiseleiter durch die vielfältige Landschaft der Wissenschaften. Beim Betrachten des Bildes hat man den Eindruck, dass eine Eierschlange im Begriff ist, ein Ei zu verzehren. Die zur Familie der Nattern gehörenden Eierschlangen, die im Erwachsenenalter etwa daumendick sind, können es ohne weiteres mit der Größe eines Hühnereis aufnehmen. Die bacteriographische Eierschlange muss sich mit einem dornenbewährten Ei abmühen, die afrikanischen und indischen Eierschlangen haben es da leichter… Das kleine Kunstwerk wurde von meinem Ensemblemitglied aus nur einem einzigen Punkt geschaffen.

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