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Die bacteriographischen Anfänge (1999)

Es war eine plötzliche Eingebung, die Farbenvielfalt von Mikroorganismen künstlerisch umzusetzen. Inspiriert wurde ich durch eine rote Kolonie eines in der Luft häufigen Bakteriums. Mit der Buntheit von Bakterien bin ich seit meiner Jugend vertraut.

Schon 1872 wurden von Ferdinand Julius Cohn (24.01.1828 - 25.06.1898), dem Begründer der modernen Bakteriologie und Förderer von Robert Koch, sogenannte „chromogene Bakterien“ in den Farben Rot, Violett, Blau, Grün und Gelb beschrieben. Es musste aber erst das Jahr 1999 herannahen um eine Verbindung zur Kunst schaffen zu können.
Farbenpracht Anfang Farbenpracht Anfaenge 2

Damals waren meine Bakterien noch keine Ensemblemitglieder, ich war noch kein Regisseur und der Maluntergrund konnte auch noch nicht zur Bühne avancieren. Die ersten ausgewählten Bakterien waren eben nur Bakterien, aber ihre Farben waren faszinierend. Es folgten einfache Studien, anschließend wurden sie in bildhafter Form ausgeführt, um den künstlerischen Aspekt nicht zu vernachlässigen. Die Vorgangsweise war anfangs noch eher intuitiv, eine systematische Vorgangsweise entwickelte sich im Laufe der Studien.

Anfaenge 3

Es war auch sofort klar, dass das Malen mit Bakterien nicht bloß eine Spielerei sein kann. Das Erste, was aufgefallen ist, war, dass es unmöglich ist, die Organismen so quasi nach Belieben aufzutragen oder auch zu kombinieren. Die hierarchischen Prinzipien mussten genau studiert werden. Die sogenannte Interaktionsstudie wurde in der Folge eine sehr komplexe Wissenschaft.
Bei diesem Bild fehlen drei Farben, weil sie in der falschen Reihenfolge aufgetragen wurden. Was war also zu tun? Eine Hierarchiestudie durchführen! Es würde zu weit führen, auf alle Parameter einzugehen, die bei dieser Studie berücksichtigt werden müssen. 1999 war die Geburtsstunde der Wissenschaftlichkeit der Bacteriographie.

Was versteht man unter Hierarchiestudie?

Bei der Hierarchiestudie wird die hierarchische Stufe eines Bakteriums ermittelt, daher der Name. Gemeint ist das Durchsetzungsvermögen einer Minorität gegenüber einer großen Übermacht, der Majorität. Da bei der Hierarchiestudie nicht nur die hierarchische Stellung eines Bakteriums innerhalb des Ensembles ermittelt werden kann, sondern auch Einblick in viele weitere Wechselwirkungen gewährt, wird sie auch noch Interaktionsstudie genannt.
Zu den Wechselwirkungen zählen unter anderem die Vielzahl an Auren und  chromogenen Ammen. Die Auswahl der Parameter bei dieser Studie erforderte sehr viel Feingefühl.

Nicht nur Malen, auch Experimentieren ist eine Kunst. Das Experiment darf als Frage an die Natur interpretiert werden. Stellt man das Experiment (die Frage) geschickt an, wird das Ergebnis aussagekräftig ausfallen. Das hört sich einfach an, aber für die richtige Durchführung dieser Interaktionsstudie war sehr viel Wissen, aber noch viel mehr Bauchgefühl erforderlich. Auch die Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in bacteriographische Gemälde ist ohne Bauchgefühl gar nicht möglich. Rein rational lässt sich ohnedies nicht alles erfassen, das finde ich auch gut so. Die Bacteriographie-Kunst kann gar nicht auf reiner Verstandesebene aufgebaut werden, sie wäre dann kein Teil der komplexen belebten Natur.

Folgendes kann herausgelesen werden:

Bild zwei Majoritaeten
Minorität setzt sich gut durch,
Minorität setzt sich schlecht durch und
Minorität setzt sich nicht durch.
Bild zwei Majoritaeten

Das Bild zeigt zwei großflächige Farbareale in gelbgrün und rosa und drei Farbpunkte in rotviolett, dottergelb und hellgelb. Die rotvioletten Punkte sind in beiden Fällen von einer Flammenaura umgeben.
Der dottergelbe Punkt bildet, ohne seine eigene Farbe zu verändern, mit dem gelbgrünen Bakterium eine Aura mit zwei Farben. Auf der rosafarbenen Fläche sehen wir, abgesehen von einem Hemmhof ohne Struktur, keine weiteren Reaktionen.
Hellgelb und gelbgrün ergibt eine tief blauschwarze Farbe, wer würde so etwas erwarten?
Die bacteriographische Grundlagenforschung ist immer für Überraschungen gut….

Im Laufe der Jahre bis 2010 wurden über 100.000 solcher Kombinationen durchgeführt. Die Anzahl der Entdeckungen von in der Fachliteratur noch nicht beschriebenen Effekten ist enorm! Im Rahmen dieser Entdeckungen legte ich folgende Begriffe fest:

  • eine zusätzliche Farbe wird „Interaktionsfarbe“ genannt, der verursachende Organismus als „Chromogene Amme“. Der Effekt an sich wird als „chromogener Ammeneffekt“ bezeichnet.
  • Ein Hemmhof, mit oder ohne Struktur, soll „Aura“ heißen.

Die ersten Studien und Gemälde konnten noch nicht haltbar gemacht werden. Die ausgesprochen aufwändige wie heikle Papiertechnologie, die die heutigen Gemälde erst möglich macht, war erst 2005 ausgereift. Mit dieser Papiertechnologie wurde auch die so genannte „Bühne“ ins Leben gerufen. Die ersten Werke wurden lediglich auf ein Agargel aufgetragen.
Das – meist nach 2 bis 3 Tagen – „herangewachsene Bild“ wurde digitalisiert und als Pigment-Kunstdruck verewigt. Anders ging es damals noch nicht.

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